Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

08.06.2022 - Internationaler Tag der Milch 2022

Am Internationalen Tag der Milch fand auf dem Kauerhof in Argenthal eine Podiumsdiskussion zur Lage der Milchwirtschaft statt.

Zeitenwende auch für die Milchwirtschaft

Argenthal. Im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit, Tierwohl, Verbraucheransprüchen und Ernährungssicherheit hat der Druck auf die Milchwirtschaft stark zugenommen. Immer mehr Milchbauern geben die Erzeugung auf und erstmals seit Jahren sinkt bei rückläufigen Kuhbeständen nun auch die Milcherzeugung.

„Was uns umtreibt ist, dass die Produktion erhalten bleibt“, stellte der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau (BWV) und Vorsitzende der Milchwirtschaftlichen Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz-Saar (Milag), Michael Horper, am vergangenen Mittwoch bei der Milag-Veranstaltung „Milch von glücklichen Kühen?“ auf dem Kauerhof der Familie Berg in Argenthal fest.

Angesichts des schlimmen Ukraine-Kriegs sei von der Berliner Politik eine „Zeitenwende“ ausgerufen worden. Diese wünsche er sich auch für die heimische Land- und Milchwirtschaft in dem Sinne, dass dieser auch mit Blick auf die Ernährungssicherung „wieder mehr Wertschätzung“ zuteilwerde. Dazu würden die Verbraucher, der Lebensmitteleinzelhandel und die Politik gemeinsam benötigt, betonte Horper.

Staatssekretär Andy Becht vom Landwirtschaftsministerium unterstrich die hohe Bedeutung der Milch als Wirtschaftsfaktor in Rheinland-Pfalz, wo mit Hochwald und Arla zwei große Molkereien ansässig seien. Die Politik könne in einer freiheitlichen Gesellschaft aber nicht einfach alleine Werte verordnen und Standards wie beim Tierwohl aufstellen und dann die Verantwortung für die Einhaltung auf andere abwälzen. „Wenn die Politik als einziger Ansprechpartner Tierwohl definieren soll, wird das schiefgehen“, erklärte Becht. Vielmehr sei ein gesellschaftlicher Konsens der verschiedenen Interessensgruppen anzustreben, wie in der Borchert-Kommission, und die „Politik muss praktisch nur noch ein Schnürchen herummachen“.

Der Staatssekretär hob hervor, dass es der Landesregierung ein wichtiges Anliegen sei, auch mit dem Einsatz von Fördergeldern „die ländlichen Räume attraktiv zu halten“.

Tierwohl nicht definiert

Zum zentralen Thema Tierwohl machte Kathrin Hammes vom Landeskontrollverband (LKV) Rheinland-Pfalz-Saar klar, dass es hierfür keine einheitliche Begriffsdefinition gebe. Hierbei sei festzustellen, dass die Vorstellungen der Verbraucher oft von der landwirtschaftlichen Realität abwichen, was auch an einer verklärenden Werbung liege.

Der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Hochwald Milch, Georg Wilsmann, berichtete ebenfalls von oftmals „diffusen Vorstellungen der Verbraucher“ bezüglich des Tierwohls. Diese müssten jedoch erkennen, dass solche Leistungen honoriert werden müssten. Es gebe sie nicht mehr umsonst. Mittlerweile gebe es bei Hochwald ein erstes Programm mit höheren Haltungsstandards, bei dem die Erzeuger vom Handel auch eine gewisse Vergütung erhielten. Problem sei, dass die Verbraucherwünsche nicht immer mit den Kenntnissen der Landwirte als Tierwohlexperten zusammenpassten. Es sollte mehr Vertrauen in das Know-how der Erzeuger geben.

Der Vertreter für die Eifel bei der Molkerei Arla, Stefan Fiedler, berichtete, dass vor der Corona-Pandemie und dem Ukraine-Krieg die Molkereien vom Handel zu höheren Standards getrieben worden seien, auch damit dieser Alleinstellungsmerkmale für seine Produkte generiere. Durch die vielen Betriebsaufgaben, auch wegen fehlender Planungssicherheit und hoher Auflagen, gebe es nun so etwas wie eine Zeitenwende, denn die Rohmilch sei nicht mehr im Überfluss vorhanden, sondern werde knapper. Arla habe mittlerweile ein Qualitäts- und Nachhaltigkeitsprogramm mit CO2-Fußabdruck entwickelt, damit die Verbraucher sehen könnten, dass etwas getan werde. Aber das Geld für höhere Aufwendungen sowie die Planungssicherheit müssten in die Höfe zurückkommen, betonte Fiedler.

Der Vorsitzende des Handelsverbandes Mittelrhein-Rheinhessen-Pfalz, Dr. Thomas Scherer, stimmte zu, dass alle in der Wertschöpfungskette Milch wirtschaftlich zurechtkommen müssten. „Der Handel steht an der Front. An ihn werden die Wünsche der Verbraucher zum Tierwohl herangetragen und er muss diese Forderungen prüfen und ggf. weitergeben“, erklärte Scherer. Problem sei, dass man wegen des Kartellrechts über die Marktstufen hinweg nicht in der Tiefe über Kosten und Preise für Mehrleistungen wie das Tierwohl sprechen dürfe, wie es eigentlich notwendig sei.

Barbara Schroeter von der Verbraucherschutzzentrale Saarland räumte ein, dass „die meisten Verbraucher wenig Ahnung von landwirtschaftlichen Betrieben haben“. Sie erhielten ihre Informationen über die Medien, wo es viele Skandalberichte gebe. Die Rinderhaltung werde dabei oft als klimaschädlich dargestellt und vor einem zu hohen Verzehr von tierischen Produkten gewarnt. Das sei eine Erklärung für den deutlichen Rückgang des Trinkmilchkonsums und die hohen Wachstumsraten der Milchersatzprodukte. Diese seien jedoch aus Verbraucherschutzsicht ein „Trugschluss“, da sie trotz geringerer Herstellungskosten teurer als Milch verkauft würden und wertvolle Inhaltsstoffe wie Calcium oder Vitamine zugesetzt werden müssten. Schroeter empfahl, noch viel mehr über die positive Entwicklung der Milcherzeugung und die moderne Milchproduktion zu informieren.

Auflagen belasten Erzeuger

Der Milcherzeuger und Gastgeber der Milag-Veranstaltung, Joachim Berg, stellte klar, dass das Tierwohl auf seinem Hof schon immer ein wichtiges Thema gewesen sei, denn „wir leben von unseren Tieren“. Eigentlich seien alle Halter bestrebt, dass es ihren Tieren gut gehe, denn das sei für die Wirtschaftlichkeit entscheidend.

Auch die Junglandwirtin Alica Weber hob hervor, dass Tiergesundheit und Tierwohl im Eigeninteresse der Landwirte lägen, denn kranke Tiere verursachten Kosten. Nach ihrer Auffassung zeigen viele Medienberichte oft ein negativ verzerrtes Bild von der Wirklichkeit auf den Höfen, weshalb die Landwirte auch selbst mit ihrer Kommunikation nach außen die Dinge klarstellen müssten. Beide Tierhalter klagten über zu viele Auflagen und Bürokratie, was immer mehr zum Problem werde. Berg mahnte, dass durch die immer kostspieligeren und höheren gesetzlichen Auflagen Betriebe zum Aufgeben gezwungen würden und so die Produktion ins Ausland verlagert werde. Dabei habe Deutschland in vielen Bereichen oft schon weltweit die höchsten Standards. Nicht zu vergessen sei, dass ein Großteil der Bevölkerung weiterhin Milch- und Fleischprodukte verzehren wolle. (AgE)