Rehe. Unter dem Motto „Wann, wenn nicht jetzt!“ trafen sich vergangene Woche bei einem Mahnfeuer in Rehe im Westerwald, im Dreiländereck von Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen, über 1.000 Bäuerinnen, Bauern und Tierfreunde, um den politischen Entscheidungsträgern auf den Weg zu geben: „Macht endlich den Weg für eine praxisgerechte Wolfsregulierung frei.“
Rund 20 Verbände und Institutionen aus den drei Bundesländern fordern mehr Rücksichtnahme für die Weidetierhalter, für den Erhalt unserer Kulturlandschaft und die heimische Artenvielfalt, die eng mit der Grünlandbewirtschaftung verknüpft ist. BWV-Präsident Marco Weber zeigte sich erfreut über die Solidarität vieler gesellschaftlicher Gruppen aus den verschiedenen Regionen, die in Rehe anwesend waren und sich damit für den Schutz der Herdentiere einsetzen. So fand er deutliche Worte: „Mit unseren Weidetieren leiden auch die Menschen. Jetzt muss die Jägerschaft endlich eine Wildmanagementgrundlage erhalten, die es ihnen ermöglicht, reißende Wölfe rechtssicher entnehmen zu können. Unsere Tierhalter sind auf eine gefahr- und risikolose Tierhaltung angewiesen!“ Die Landwirte sorgten sich um ihre Tiere, die für die Bewirtschaftung einer Region zwingend notwendig seien. Daher würden die Landwirte den Schulterschluss mit den Gruppierungen, Verbänden und Landkreisen benötigen, die sich für den ländlichen Raum einsetzen würden.
Bianca Belleflamme, Vorsitzende der „Bürgerinitiative Wolfsprävention Westerwald“ ärgert sich über leichtfertige behördliche Entscheidungen: „Zäune nach Wolfsangriffen als fehlerhaft zu beurteilen ist gerade nach einem Angriff mit getöten und verletzten Weidetieren demotivierend. Die Tierhalter fordern eine deutlich fairere Bewertung ihrer Leistungen. Wir wollen endlich Entscheidungen, die uns bei der Fortführung unserer Tierhaltung unterstützen und nicht noch zusätzlich belasten!“.
Als Christian Amend, ein betroffener Weidetierhalter aus Hof im Westerwald, seine Erlebnisse nach einem Wolfsangriff beschrieb, war die Betroffenheit der Teilnehmer mit Händen zu greifen. Amend hatte seine Tiere mit einem den Richtlinien entsprechenden Zaun umgeben, geschützt mit 8.600 Volt Spannung und seine Schafe wurden dennoch nicht vor den Wolfsrissen bewahrt. Es sei schon hart, die überlebenden Tiere nach solch einem Angriff nicht mehr in Sicherheit zu wissen. Wohin könne er die Tiere bringen? Sei ein zweiter Zaun vonnöten? Mit diesen Fragen stünde eine Halterfamilie zuerst einmal alleine da. Hier habe vorerst nur die Soldarität der Berufskollegen geholfen. Brutal sei am Ende ein Schreiben des Koordinationszentrums Luchs und Wolf (Kluwo), die den Zaun wegen einer Kleinigkeit als „kein vollständier Schutz“ klassifiziert habe. Somit können kein Tierhalter mehr sicher sein, einen völlig sicheren Zaun zu haben.
Der Wolfsbeauftragte des BWV, Matthias Müller, begrüßte die Absenkung des Schutzstatus des Wolfes in der EU von „streng geschützt“ auf „geschützt“. Die Bundesregierung plane nun die Aufnahme des Wolfes ins Bundesjagdgesetz. Anschließend müssten die Bundesländer ihre Wolfsmanagementpläne entsprechend abändern. Dies sei gerade in länderübergreifenden Regionen von besonderer Bedeutung, da reißende Wölfe grenzübergreifend gejagt werden müssten. Müller betonte, dass in der kleinstrukturierten Landwirtschaft in den Mittelgebirgslagen keine Rudel toleriert werden dürften. Diese Regionen seien höchstens für durchziehende Wölfe geeignet. Gerade die Landwirtschaft in den Mittelgebirgsregionen sei auf die Wertschöpfung über das Grünland angewiesen. Würde die Gesellschaft die Weidetierhaltung zugunsten des Wolfes opfern, hätte dies eklatante negative Auswirkungen für die Artenvielfalt einer Region.
Der Vorsitzende des Landesverbandes der Schaf- und Ziegenhalter Rheinland-Pfalz, Werner Neumann, forderte neben dem rechtssicheren Schießen reißender Wölfe, Forschungsgelder für die Erarbeitung eines effektiven Herdenschutzes, der auch machbar sei und fair bezahlt werden müsse. Außerdem müsse es einen Dialog mit Naturschutzorganisationen geben, um Verständnis für die Tierhalter zu erreichen. Neumann steht hinter den aktuellen Herdenschutzmaßnahmen, würden Wölfe aber darüber hinwegspringen, müssten sie sofort entnommen werden.
Lars Eric Broch, der Vorsitzende von Weidezone Deutschland, bedauerte, dass der Wolf das Lebensgefühl ganzer Regionen verändere. Der Wolf sei eben nicht mehr unter Kontrolle und das wisse man sehr wohl in den betroffenen Gebieten. Es gebe kein Erkenntnisproblem, sondern ein Handlungsproblem. Man habe den Eindruck, dass NGOs die Politik beeinflussen würden. Diese hätten offensichtlich kein Interesse mehr an der Weidetierhaltung in Deutschland. Daher stünde nun ein gesamter Wirtschaftszweig innerhalb der Landwirtschaft unter Druck. Die Folge werde ein geringerer Selbstversorgungsgrad tierischer Produkte sowie eine weniger artenreiche Kulturlandschaft sein. Diese Vielfalt werde leise und langsam verschwinden.
Landrat Achim Schwickert, der auch für seine Landratskollegen Achim Hallerbach und Dr. Peter Enders sprach, betonte, dass aktiv gegen eine weitere Ausbreitung des Wolfes eingegriffen werden müsse. Von alleine werde sich die Population nicht reduzieren. Die Landwirtschaft werde auf ihren Flächen bereits über das Naturschutzrecht eingeschränkt und jetzt komme noch der Wolf hinzu. Das sei kein tragbarer Zustand: „Wir können doch nicht den gesamten Westerwald einzäunen! Wölfe müssen auch erschossen werden können.“ Er sei zuversichtlich, dass ein vernünftiger Ausgleich zwischen Landwirtschaft und Wolfsansiedelung möglich sei.
Alle Redner kamen darin überein, dass nun dringend gehandelt werden müsse, bevor die Weidetierhalter ihrer Arbeit ein Ende setzen. Sie erhielten Beifall von den anwesenden Tierhaltern und Tierfreunden: „Weide vor Wolf – Wann, wenn nicht jetzt!“