Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

10.08.2021 - Erntegespräch 2021

Viele Abgeordnete aus Bund und Land sowie Kommunalpolitiker und Mitglieder des BWV-Fachausschusses Pflanzliche Erzeugung informierten sich in Kirchberg über die aktuelle Erntesituation.

Flutkatastrophe ist zentrales Thema der Ernte-Pressekonferenz

Kirchberg. Das Erntegespräch des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau (BWV) im Landhandelsunternehmen Piroth & Schreiner in Kirchberg war geprägt von der Flutkatastrophe in der Eifel und an der Ahr. Der Präsident des BWV, Michael Horper, gedachte zu Beginn der Konferenz den Opfern der Flutkatastrophe an der Ahr und in der Eifel. Es berühre ihn zutiefst, mit welchem Engagement, gerade die Landwirte und Winzer aus den Nachbardörfern und der Umgebung sowie anderen Regionen Deutschlands und den Nachbarstaaten, allen Menschen an der Ahr und in der Eifel geholfen hätten. Dabei machte er auch deutlich, dass landwirtschaftliche und weinbauliche Betriebe aufgrund der Flutkatastrophe zwar schwere Ernteverluste verzeichnen müssten, aber vielmehr auch Opfer an Menschen und Tieren sowie Schäden an Gebäuden und Maschinen zu tragen hätten.

Gegenüber den anwesenden politischen Vertretern von SPD, FDP, CDU und AFD forderte Horper auch die Berücksichtigung der vielfältigen Leistungen der Helferinnen und Helfer ein. Sicherlich seien all die Menschen aufgebrochen, um selbstlos den Notleidenden zu helfen. Dennoch sei eine Anerkennung seitens des Staates notwendig. Zumindest der Einsatz der Maschinen und Geräte und deren Verschleiß sollte vergütet werden. Die Bauernverbände würden ab kommender Woche über ihre Stiftungen und Fonds die am härtesten getroffenen Bauern- und Winzerfamilien mit finanzieller Soforthilfe unterstützen.

Vor der Präsentation der aktuellen Erntesituation erläuterte Jörg Piroth, Geschäftsführer von „Piroth & Schreiner“, während eines Betriebsrundgangs die Bedeutung des Landhandels für die Landwirtschaft. Aktuell sei der Getreide- und Rapsmarkt völlig verunsichert. Dies liege vor allem an den weltweit extremen Witterungsbedingungen, die eine Ernte kaum mehr kalkulierbar machten.

Die Ernte 2021, erklärte Präsident Horper, entspreche im Hinblick auf Erträge und Qualitäten nicht einmal dem Durchschnitt der Jahre: „Die Landwirte waren im Frühjahr sehr hoffnungsfroh. Ausreichend Niederschläge ließen die Landwirte auf eine gute Ernte hoffen. Aber bereits die Kälte im April hat zu einer Verzögerung des ersten Grünschnittes geführt. So waren die Qualitäten zwar gut, aber die Mengen waren für die Futterbaubetriebe mancherorts enttäuschend.“ Der zweite Schnitt habe allerdings sehr viel kompensieren können, weil dieser sehr ertragreich gewesen sei.

Von wenigen Tagen abgesehen, sei die Witterung für das Getreide insgesamt zu nass und zu kühl gewesen, was beispielsweise bei der Wintergerste zu einer schlechten Kornausbildung geführt habe. Auch der Winterweizen gebe keinen Anlass zur Freude. Nur wer seine Bestände punktgenau geführt habe, könne nun mit guten Weizenerträgen rechnen.

Der Winterraps habe ebenfalls unter der kühlfeuchten Witterung gelitten, so dass auch hier die Erträge unterhalb des Durchschnitts liegen würden. Hinzu kämen Ölgehalte von meist unter 40 Prozent, so dass die Ölausbeute in diesem Jahr deutlich geringer ausfallen werde als in den vorhergehenden Jahren.

Positiv sei hingegen, dass sich aktuell die Preise, sowohl für Getreide als auch für Raps, auf einem insgesamt erfreulichen Niveau bewegten. Bedauerlich sei, dass diese Preise lediglich die geringeren Erträge kompensieren würden: „Für die Landwirte wäre ein wirtschaftlicher Befreiungsschlag notwendig gewesen. Wir hatten in diesem Jahr gehofft, hohe Erträge sowie Qualitäten und gleichzeitig gute Preise erzielen zu können. Aber auch in diesem Jahr macht uns wieder das Wetter einen Strich durch die Rechnung“, betonte Horper.

Nicht besser sehe es im Obstbau aus. Der anhaltende Regen führe zu platzenden Kirschen und verstärktem Pilzbefall – auch bei Zwetschen und Beeren. Teilweise sei über 90 Prozent der Kirschenernte aussortiert worden, weil der Handel nur perfekt aussehendes Obst annehme. Geplatzte Kirschen würden nicht in das Sortiment der großen Handelsunternehmen passen.

Hoffnung setze der Obstbau auf die Äpfel. Hier werde eine gute Apfelernte bei guten Qualitäten erwartet. Aber auch hier werde man den Tag nicht vor dem Abend loben. Allerdings wirke sich der Regen bei Äpfeln deutlich weniger qualitätsmindernd aus als bei den sogenannten Weichobstarten.

Die Ernteprognosen für das Weinjahr 2021 sind aktuell positiv, es wird von einer durchschnittlichen Ertragsmenge bei guter Qualität ausgegangen. Hohe Niederschlagsmengen in Verbindung mit moderaten Temperaturen sorgten für ein rasantes Rebenwachstum, was viele Betriebe bei den Pflegearbeiten an die Grenzen ihrer Schlagkraft brachte. Gleichzeitig sorgte die andauernde Feuchtigkeit für einen hohen Infektionsdruck durch Pilzerkrankungen.

Die Erste Kreisbeigeordnete und ehemalige Landfrauenpräsidentin Rita Lanius-Heck hob die Bedeutung der Landwirtschaft für die Gesellschaft hervor. So werde hier im Rhein-Hunsrück-Kreis die Hälfte der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Der bäuerliche Berufsstand sei ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Dies habe er mit seiner spontanen und massiven Hilfe im Katastrophengebiet an Ahr und Eifel wieder einmal bewiesen. Mit ihrer neuen Geschäftsstelle in Kirchberg zeige der Berufsstand im Übrigen beeindruckend Präsenz im Kreis.

Der Vorsitzende des Fachausschusses für Pflanzliche Erzeugung und Erneuerbare Energien im BWV, Harald Schneider, kritisierte die immer stringenteren Auflagen gegenüber den landwirtschaftlichen Betrieben auf das Schärfste. Die Landwirte seien meist gar nicht mehr in der Lage Qualitätsweizen zu produzieren. Stattdessen müssten diese Qualitäten nun importiert werden. Das sei moralisch verwerflich. Hier in Deutschland könne fast nur noch Getreide in Futterqualität produziert werden, während es aus Staaten, die das Getreide für die Ernährung ihrer Menschen dringend benötigten, importiert würde. „Will denn die Gesellschaft in Deutschland keine Landwirtschaft mehr haben? Dann soll man uns das gefälligst ins Gesicht sagen!“, betonte Schneider.

Bundestagsabgeordneter Peter Bleser fügte hinzu, dass im kommenden Parlament wieder weniger Landwirte sitzen würden als bisher. Das werde sich bitter rächen. Eine gesicherte Ernährung der Bevölkerung sei volkswirtschaftlich unverzichtbar. Die Politik erkenne immer noch nicht, dass sich Landwirtschaft nicht planen lasse, sondern die Nachfrage das Angebot bestimme. Was der Berufsstand zu leisten fähig sei, habe er nach der Flutkatastrophe deutlich gezeigt. Er sei in vielerlei Hinsicht von größter Bedeutung für unser Land.

Kreisvorsitzender und Landtagsabgeordneter Marco Weber forderte das Landwirtschaftsministerium auf, dafür Sorge zu tragen, dass die viehhaltenden Betriebe auch nach der Ernte ihre organischen Düngemittel praxisgerecht ausbringen dürften. Hinzu kämen die lang anhaltenden Niederschläge, die das Befahren vieler Flächen zeitweise unmöglich machten. Hierauf müsse das Ministerium im Sinne der Landwirtschaft umgehend reagieren.

Zum Abschluss der Ernte-Pressekonferenz appellierte Horper an die Politik, sich dafür einzusetzen, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nicht pauschal diskreditiert werden dürfe. Es sei wichtig, dass eine hohe Vielfalt an Wirkstoffen zur Verfügung stehe, denn nur durch den Einsatz wechselnder Wirkstoffe werde der Resistenzbildung der Schaderreger entgegengewirkt. Horper wünschte allen Landwirten und Winzern gutes Erntewetter mit entsprechenden Qualitäten, ausreichenden Mengen und zufriedenstellenden Preisen.

Präsident Michael Horper ist begeistert über die Hilfsbereitschaft der Landwirte und Winzer in den Katastrophengebieten. Sie seien den notleidenden Menschen von Anfang an zur Seite gestanden. Von links: Harald Schneider, Michael Horper, Jörg Piroth