Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

02.10.2020 - Agrarpolitik

Grußwort zum Erntedankfest

Liebe Landwirte und Winzer, liebe Landfrauen und Landjugendliche,

das Erntedankfest ist eine Jahrhunderte alte, wichtige Tradition und bietet stets Anlass zum Dank für eine hoffentlich gute Ernte. Das Fest bietet aber auch Anlass, sich über den Wohlstand und Privilegien bewusst zu werden, die wir in Europa und insbesondere in Deutschland im Vergleich zu anderen Teilen der Erde haben, in denen immer noch Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit herrschen. In diesem außergewöhnlichen Jahr 2020 werden vielerorts die Festlichkeiten ganz anders als gewohnt ausfallen. Wir blicken auf ein durch die Corona-Krise geprägtes Jahr zurück und müssen auch als Landwirte feststellen: Wir können nicht zufrieden sein.

Die Liste der Probleme und Herausforderungen ist lang. Im Rahmen der europäischen Umweltstrategien drohen politisch verordnete Reduzierungen des Pflanzenschutzes und des Antibiotikaeinsatzes um 50 Prozent sowie eine Verringerung der Düngung um 20 Prozent bis 2030. Unsinnige und überzogene Auflagen schränken unsere betrieblichen Perspektiven ein, verursachen Mehrkosten oder bringen Mindererträge, wie die Düngeverordnung zeigt. Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) lockt Kunden mit Dumpingpreisen, es werden Handelsabkommen zum Nachteil der heimischen Landwirtschaft abgeschlossen und nach wie vor erfährt unser Berufsstand eine nie dagewesene Gängelung in Medien, Gesellschaft und Politik. Nicht zuletzt müssen wir uns nun vor allem mit den Preiseinbrüchen auf dem Schweinemarkt aufgrund der Afrikanischen Schweinepest (ASP) bei Wildschweinen in Deutschland auseinandersetzen. Zudem müssen wir zusehen, wie sich der Wolf immer weiter ausbreitet, sich auch bei uns ansiedelt und dabei unsere Weidetiere verletzt oder tötet.

Trotz der widrigen Umstände war und ist in dieser Corona-Krise auf uns Landwirte Verlass und wir gewährleisten die Lebensmittelversorgung. Einen Applaus für unsere Leistungen - ähnlich, wie es diesen zu Beginn der Corona-Krise für Pflegepersonal, Ärzte oder auch für die Müllabfuhr gab, erwarten wir nicht. Aber was wir erwarten dürfen, ist ein fairer Umgang mit uns und Wertschätzung für unsere Arbeit. Doch was wir stattdessen erleben müssen, sind pauschale Schuldzuweisungen und tendenziöse Berichterstattungen. Discounter werben weiterhin mit Billigpreisen und die Verbraucher greifen natürlich gerne zu. Gleichzeitig fordern Gesellschaft und Politik in zunehmender Schärfe mehr Nachhaltigkeit, mehr Tierwohl und mehr Umweltschutz, ohne sich dabei Gedanken über die Wirtschaftlichkeit und Finanzierung zu machen. Denn mehr Auflagen bedeuten für uns Betriebe weiter steigende Kosten und sinkende Erlöse. Das passt alles nicht mehr zusammen und geht zu Lasten der Bauernfamilien. Das sind auch die Gründe für die vielen Bauernproteste der letzten Monate und dafür, dass immer mehr Betriebe aufgeben.

Viele Berufskollegen nehmen zunehmend wahr, von der Politik bevormundet zu werden und fast täglich neue Auflagen aufgezwungen zu bekommen, die sachlich und fachlich nicht mehr nachvollziehbar sind. Allen voran stellt die Düngeverordnung ein derart pauschales und kompliziertes Regelwerk dar, so dass eine lokale und problembezogene Absenkung erhöhter Nitratwerte vor allem kurzfristig nur schwer möglich ist. Stattdessen konnte vielerorts bereits im ersten Jahr der Gültigkeit der verschärften Düngeverordnung nicht mehr die für Brotweizen notwendige Qualität erzeugt werden. Deshalb kommt es wie es kommen musste: Die heimische Produktion wird weiter zurückgedrängt und es werden Waren importiert, die unter schlechteren Standards produziert wurden - ein politischer Schildbürgerstreich.

Uns Landwirten drohen weitere Auflagen, die Aspekte der Praxisbezogenheit und Wirtschaftlichkeit vermissen lassen. Neben dem Insektenschutzprogramm ist vor allem die europäische Farm-to-Fork-Strategie zu nennen. Die Politik muss auf allen Ebenen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und statt über die Landwirte zu reden und herzuziehen gemeinsam mit den Landwirten entscheiden, welche Maßnahmen zur Nachhaltigkeit sinnvoll sind. Denn unser Berufsstand ist nicht gegen Nachhaltigkeit, Tierwohl und Umweltschutz. Jeder Landwirt praktiziert täglich Umwelt- und Klimaschutz, indem er z. B. umweltschonend wirtschaftet, CO2 in Böden bindet oder regenerative Bioenergie herstellt. Wir fordern daher Zukunftsperspektiven für unsere Betriebe und besonders für die jungen Landwirte. In erster Linie sollte endlich damit aufgehört werden, auf dem Rücken der Bauernfamilien unsachgemäße, widersprüchliche und ideologisch motivierte Politik zu betreiben. Wir fordern mehr Planungssicherheit und ausreichend Freiraum, auch unternehmerisch sinnvolle Entscheidungen treffen zu können. Wir fordern bessere Preise für unsere hochwertigen Erzeugnisse und wir fordern eine bessere regionale Wertschöpfung mit kleineren Wirtschaftskreisläufen.

Wir alle würden gerne „von unserer Hände Arbeit“ leben können, aber solange sich die gegenwärtige Situation mit sehr niedrigen Marktpreisen auf der einen Seite und teuren Auflagen auf der anderen nicht drastisch ändert, brauchen wir den finanziellen Ausgleich in Form von Direktzahlungen, Investitionsförderungen und Zuschüssen. Allerdings entfalten Förderungen oftmals nicht die gewünschte Wirkung. So klingen z. B. 300 Mio € zur Verbesserung der Haltungsbedingungen von Sauen nach einer guten Unterstützung. Doch durch die enge zeitliche Bindung an das Corona-Krisenprogramm kommt die Hilfe bei vielen Tierhaltern aufgrund längerer Vorlaufzeiten in Genehmigungs- und Planungsverfahren gar nicht an. Auch die sogenannte Bauernmilliarde ist im Verhältnis zu den Ertragsminderungen und den Mehrkosten wegen der Düngeverordnung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Mit Auftreten der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Brandenburg zeigt sich nun ein neues Problem, das sich jedoch seit Längerem andeutete. Erste Konsequenzen waren der chinesische Importstopp für deutsches Schweinefleisch sowie drastisch gefallene Preise für Schlachtschweine und Ferkel. Hierbei drängt sich der Verdacht auf, dass sich Schlachthöfe und LEH die ASP-Krise zunutze machen, um kurzfristig Gewinne einzustreichen, denn die Preise an der Ladentheke haben sich kaum verändert. Und auch die Mäster sollten Verständnis für die noch härter getroffenen Ferkelerzeuger haben - hier ist landwirtschaftliche Solidarität gefragt.

Es sei zudem auf den ärgerlichen Umstand verwiesen, dass wir Landwirte in Deutschland mit einer zunehmenden Anzahl von „Hobbyagrarwissenschaftlern“ umgehen müssen. Es gehört mittlerweile zum Lifestyle urbaner Milieus, die konventionelle Landwirtschaft zu kritisieren, ohne überhaupt zu wissen, was konventionelle Landwirtschaft macht oder auch nicht macht. Dieser Umstand ist deshalb ärgerlich, weil eine nach Umfragen und Beliebtheitswerten orientierte Politik darauf Bezug nimmt und immer neue Auflagen für mehr Nachhaltigkeit auf den Weg bringt. Dabei ist das Gleichgewicht von Ökonomie und Ökologie längst nicht mehr gegeben. Eine Rückkehr zum Prinzip „Naturschutz durch Nutzung“ ist dringend erforderlich und die Landwirtschaft muss kurzfristig enger in die Entscheidungsfindung eingebunden werden.

All jene Kritiker und Zweifler der konventionellen Landwirtschaft sind herzlich eingeladen, einen Besuch bei einem „Tag des offenen Hofes“ einzuplanen und mit Landwirten ins Gespräch zu kommen. Denn dann werden sicherlich manche Vorurteile schnell entkräftet werden können. Abschließend bleibt zu hoffen, dass die Corona-Krise von uns gemeinsam bewältigt werden kann und wir alle gesund bleiben. Auch wenn noch nicht alle Früchte der Arbeit geerntet oder gelesen sind, gilt es jetzt zu danken, und optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Michael Horper

Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau