Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

20.11.2019 - Rheinisch-Nassauische Obstbautagung 2019

80 Teilnehmer interessierten sich für die Diskussion der Obstbau-Jungunternehmer mit Staatsekretär Andy Becht. Bei der anschließenden Diskussion konnten die Gäste ihre eigenen Vorstellungen über die Zukunft der Obstbauberatung einbringen.

Jungunternehmer fordern unabhängige staatliche Obstberatung aus Klein Altendorf

Klein Altendorf. Während der Rheinisch-Nassauischen Obstbautagung in Klein Altendorf diskutierten die jungen angehenden Betriebsleiter Christiane Mager und Maximilian Schäfer mit dem rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsstaatssekretär Andy Becht über die Zukunft des Obstbaus. Sie machten deutlich, was sie von der Politik erwarten.

Der Staatssekretär stieg in die Runde mit dem Hinweis ein, dass die heutige Gesellschaft nur noch von wenigen Landwirten ernährt werde. Dies führe zu Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den wenigen landwirtschaftlichen Unternehmen und den Verbrauchern. Er erhoffe sich deshalb gerade von den jungen Betriebsleitern die intensive Nutzung der sozialen Medien, um gegenüber der Gesellschaft die Bedeutung und den Ablauf der landwirtschaftlichen Tätigkeit darzustellen. Becht stehe an der Seite der Landwirtschaft, die proaktiv ihre Möglichkeiten nutzen sollte. Christiane Mager sei stolz darauf, gesunde Lebensmittel zu produzieren und die Kulturlandwirtschaft zu gestalten. Daher sei sie auch gerne Vorsitzende des Netzwerks Junger Obstbauern. Um die Qualitätserzeugung auch künftig auf hohem Niveau halten zu können, forderte sie Staatssekretär Becht auf, sich weiterhin für eine gute Ausbildung gerade hier im Zentrum des Obstbaus in Klein Altendorf stark zu machen. Da die Betriebe langfristig planen müssten, sei von staatlicher Seite die Bereitstellung unabhängiger Beratungs- und Forschungseinrichtungen dauerhaft zu garantieren.

Maximilian Schäfer betonte, dass er als Praktiker hohe Investitionen tätigen müsse, um den Obstbau mit all seinen Aufgaben und die Qualitätserzeugung zu sichern. Investitionen für den geschützten Anbau, die Zahlung des Mindestlohnes, aber auch die Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln seien für die Obstbaubetriebe von großer Bedeutung. Da sich die Anforderungen seitens der Politik und der Gesellschaft immer wieder in ihren Schwerpunkten verlagerten, sei eine unabhängige staatliche Institution, die die Betriebe in ihrer Arbeit unterstützen würden, unerlässlich. Schäfer sehe aber, dass die Arbeit im Obstbau nicht einfacher, sondern komplizierter werde. Daher baue er auch in Zukunft auf die hohe fachliche Kompetenz des Gartenbauzentrums in Klein Altendorf.

Der Moderator der Diskussion, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Obstbau, Norbert Schäfer, bat den Staatssekretär um eine kurze Stellungnahme zum Kompetenzzentrum. Dieser bestätigte, dass sich die Aufgaben des Kompetenzzentrums grundsätzlich den Anforderungen an die Landwirtschaft anpassen müssten. So spiele nun der Klimawandel eine wesentliche Rolle bei der künftigen Arbeit. Auch werde die Gruppenberatung intensiviert werden müssen. Die Digitalisierung der Beratung und des Versuchswesens werde einen größeren Raum einnehmen. Becht betonte, dass es weiterhin eine staatliche unabhängige Beratung und eine schulische Aus- und Weiterbildung geben werde. Dennoch müsse immer wieder reflektiert werden, wie die Ziele des Koga den Anforderungen seitens der Landwirtschaft gerecht werden könne. Mager fügte hinzu, dass die Digitalisierung die Bürokratie erträglicher machen müsse. Dennoch dürfe sie nicht dazu führen, die Beratung vor Ort zu ersetzen. Die Obstbauern hätten oftmals individuelle Probleme, die auch individuell gelöst werden müssten. Die Digitalisierung helfe hierbei nur unzuverlässig. Auch beim Anlegen praxisorientierter Versuche helfe die Digitalisierung bei der Problemstellung nicht. Dies bestätigte Maximilian Schäfer, der betonte, dass die Betriebe mittlerweile hochspezialisiert seien. Die Versuche müssten daher der Lösung wichtiger Probleme im Obstbau dienen. Als Beispiel nannte er die Bekämpfung des invasiven Schädlings Kirschessigfliege. Es seien dringend Versuche notwendig, um deren Bekämpfung effektiv bewerkstelligen zu können.

Christiane Mager wies darauf hin, dass ein Versuchsgut auf Kontinuität angewiesen sei. Es sei folglich wichtig, die Versuchsleiterstelle zeitlich über einen längeren Zeitraum überlappend zu besetzen, damit der Nachfolger im Sinne der Obstbauern die Versuche optimal fortführen könne. Sie sehe augenblicklich die Gefahr, dass dies in naher Zukunft nicht gewährleistet sein werde. Becht betonte, dass bezüglich des Kompetenzzentrums nun wahrlich keine Endzeitstimmung angesagt sei. Ihm sei klar, was die Politik in den vergangenen zehn Jahren falsch gemacht habe. Mit der anstehenden Digitalisierung der Landwirtschaft werde der Berufsstand personell dennoch nicht alleine gelassen. Die Digitalisierung stelle vielmehr eine Chance für die Optimierung der Beratung und des Versuchswesens dar. Es werde auch eine vernünftige Anschlusslösung für den scheidenden Versuchsleiter geben.

Die jungen angehenden Betriebsleiter forderten von der Gesellschaft mehr Wertschätzung, eine bessere Entlohnung für ihre Produkte und die gleichen Vorgaben und Auflagen für alle landwirtschaftlichen Betriebe. Auch die Importware müsse nach den deutschen Standards produziert werden. Andy Becht betonte, dass die Politik das Meinungsbild der Gesellschaft widerspiegele. Wenn das Bild den Landwirten nicht gefalle, müssten sie den Mainstream der Gesellschaft beeinflussen. Schließlich hätte die Landwirtschaft ja Pfunde, mit denen sie wuchern könne, nämlich die Erzeugung gesunder Nahrungsmittel, die Pflege der Kulturlandschaft und damit die Erhaltung touristisch attraktiver Regionen. Auch wenn die Landwirtschaft nur mit einem Prozent zur Bruttowertschöpfung Deutschlands beitrüge, bewirtschafte sie fast die Hälfte der gesamten Fläche und sorge für die Ernährung der Bevölkerung.

Mager zählte kurz die vielen Vorteile der heimischen Landwirtschaft auf, nämlich u.a. die kurzen Transportwege, die Bindung des Treibhausgases CO2 und die Schaffung von Naherholungsgebieten. In der anschließenden Diskussion fragte der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes, Michael Horper, ob nicht Transporte deutlich teurer werden müssten, um Importwaren zurückzudrängen. Es sei sonst sehr schwer, gegen Importe zu konkurrieren, die zu anderen Konditionen erzeugt würden. Darüber hinaus werde durch Produktion für den heimischen Markt dem Klimaschutz Rechnung getragen. Außerdem sei es Aufgabe der Politik, die Transparenz der Produkte zu verbessern, damit die Verbraucher überhaupt die Chance hätten zwischen den verschiedenen Produktionsweisen zu unterscheiden.

Becht machte deutlich, dass bei den Freihandelsabkommen Standards vereinbart würden. Es liege an den Verantwortlichen in der Politik, Abkommen nur bei der entsprechender Einhaltung definierter Standards zu verabschieden. Freihandelsabkommen seien für die einzelnen Staaten von herausragender Bedeutung. Daher sei anzuraten, um sinnvolle Verträge auszugestalten, mit der Politik in Kontakt zu bleiben. Obstbauer Tim Kreuter findet es absolut unzeitgemäß, dass der Verbraucher lediglich feststellen könne, wer landwirtschaftliche Produkte verpackt habe, der Herkunftsort der Produkte aber nicht zu ersehen sei. Dies müsse dringend verbessert werden. Bruno Müller verdeutlichte mit drastischen Worten: „Wer schützt uns vor den Einkäufern des Lebensmitteleinzelhandels?“ Die Bauern hätten Standards zu erfüllen und Kosten zu tragen. Es sei ein Unding, dass auch heute noch der Einzelhandel heimische Ware unter dem Erzeugerpreis verramschen dürfe. Es sei Aufgabe der Politik, die Menschen im Lande zu schützen und darunter würden auch die landwirtschaftlichen Familien fallen. Becht erklärte, dass es bereits einen neuen Richtlinienentwurf der EU zum Wettbewerbsrecht gebe: „Die Tricks des Lebensmitteleinzelhandels sollen endgültig verboten werden.“

Die Junglandwirte und der Staatssekretär lieferten sich einen fachlich fundierten Schlagabtausch. Beide Seiten konnten somit einen tieferen Einblick in die Ansichten und Handlungsmöglichkeiten des Diskussionspartners gewinnen.

Präsident Michael Horper dankte in seiner Rede für all diejenigen Mitstreiter, die sich für eine erfolgreiche Zukunft des Kompetenzzentrums Gartenbau in Klein Altendorf eingesetzt haben. Er setze darauf, dass das Land den Bauern weiterhin „die Stange halte“. Die Landwirtschaft gehöre zu unserer Region genauso wie die wunderschöne Kulturlandschaft. Schließlich sorge auch die Landwirtschaft für den Erhalt der Artenvielfalt und die Biodiversität. Horper dankte der Landesregierung, die sich bereiterklärt habe, das Kompetenzzentrum in Klein Altendorf fortzuführen. Es sei wichtig, dass die hier ansässige Landwirtschaft auch die Menschen in der umgebenden Region ernähren könne. Dafür habe die Landesregierung ein Zeichen gesetzt. Die Gesellschaft lebe in bewegten Zeiten. Den Ackerbauern, Tierhaltern, Obstbauern und Gartenbauern werde von der Gesellschaft viel abverlangt. Bedauerlicherweise sei vieles davon weder nachvollziehbar, noch fair oder angemessen. Der Klimawandel übe Druck auf die Gesellschaft aus. Alle gesellschaftlichen Gruppen müssten Veränderungen hinnehmen. Es sei aber nicht akzeptabel, dass ein wesentlicher Teil der Diskussion auf dem Rücken der Bauernfamilien ausgetragen werde. So forderte Horper, die künftige Düngeverordnung zwingend mit einer fachlich begründeten und nachvollziehbaren Binnendifferenzierung der Grundwasserkörper auszugestalten. Innerhalb der Roten Gebiete gar eine Düngung in Höhe von 20 Prozent unter Bedarf der Kulturen umzusetzen sei für die Betriebe definitiv nicht praktikabel. Es bestehe die Gefahr, die bäuerlichen Strukturen in diesen Regionen unwiederbringlich zu zerstören. Auch das Verbot einer Herbstdüngung zu Wintergetreide sei weder fachgerecht noch umsetzbar. Gerade in den letzten Jahrzehnten sei die Landwirtschaft gut genug dafür gewesen, den Reichtum einer Gesellschaft zu mehren. Vom verfügbaren Einkommen der Haushalte wurden in den fünfziger Jahren fast 50 Prozent für Lebensmittel ausgegeben. Nun seien es kaum zehn Prozent. Dies wirke sich selbstverständlich positiv auf das jeweilige verfügbare Einkommen aus. Die Menschen in unserer Gesellschaft sollten einmal über die vielfältigen Wohlfahrtsleistungen der Landwirtschaft nachdenken. Da dies offenbar nicht geschehe, werde die Gesellschaft eines Tages die bitteren negativen Konsequenzen ihres Handelns erdulden müssen.

In den letzten Monaten hätten die Bäuerinnen und Bauern über ihre Landesbauernverbände oder über die Initiative „Land schafft Verbindung“ den Druck auf die Politik erhöht. Jetzt erst setze sich die Politik mit den Forderungen der Bauern auseinander und der weitaus größte Teil der Gesellschaft stehe mittlerweile hinter den Bauernfamilien und gebe ihnen Rückendeckung. Bundeskanzlerin Angela Merkel dürfe aber nicht nur die verschiedenen Bevölkerungsgruppen versöhnen, sondern sie müsse hinter der Primärproduktion Landwirtschaft stehen und sich für praxisgerechte Gesetze einsetzen.

Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau unterstütze alle landwirtschaftlichen Produktionsbereiche ausnahmslos, so auch den Obstbau. Die Themen Gefahrenversicherungen und die Risikoabsicherung seien sogar während des vergangenen Landesbauerntages in Koblenz thematisiert worden. Auch die Förderung von Hagelschutz- und Bewässerungsanlagen befürworte der Verband. An Staatssekretär Andy Becht gerichtet, betonte Horper: „Lasst uns die dicken Bretter gemeinsam bohren. Ziel muss es sein, der Jugend wieder Perspektiven zu geben und Regelungen zu finden, die zumindest für 20 Jahre und darüber hinaus Planungssicherheit ermöglichen.“

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Obstbau, Norbert Schäfer, kritisierte die Bürgerinitiativen in Bayern und Baden-Württemberg scharf: „Jedem Populisten wird geglaubt. Ich fordere die Versachlichung der Diskussion auf wissenschaftlicher Basis.“ Es sei unerhört, wenn Discounter für nachhaltig erzeugte Lebensmittel werben, gleichzeitig aber Importe aus der ganzen Welt anbieten würden. Dies passe nicht zusammen. Die heimische Landwirtschaft werde lediglich als Feigenblatt benutzt, damit sich der LEH positiv darstellen könne.

Schäfer forderte die Politik auf, die Diskussion um die Risikoabsicherung für die Obstbaubetriebe zu beenden und Lösungen anzubieten. Das Frostjahr 2017 sowie die Dürrejahre 2018 und 2019 könnten sich jederzeit wiederholen. Schließlich sei die Landwirtschaft nicht der alleinige Verursacher des Klimawandels. Sie müsse die Folgen des Klimawandels tragen und es liege im gesamtgesellschaftlichen Interesse, die Landwirtschaft abzusichern.

Am Ende der Veranstaltung sprach der neue Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Obstbau Jörg Hilbers über das Thema „Proaktives Handeln in Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen“. Er gab dabei einen Abriss über die aktuellen gesellschaftlichen Forderungen, die sich vor allem in Volksinitiativen sowie im Aktionsprogramm Insektenschutz Raum schaffen würden. Er erläuterte die Ursachen und Folgen des Insektensterbens. Neben der Landwirtschaft seien hierfür aber auch der Klimawandel, außerlandwirtschaftliche Umweltbelastungen sowie Lichtverschmutzung und die Versiegelung von Flächen maßgebend. Er bedaure, dass das Aktionsprogramm Insektenschutz überwiegend die Landwirtschaft betreffe. So seien die zentralen Inhalte das Verbot von biodiversitätsschädigenden Insektiziden in Schutzgebieten, das Verbot von Glyphosat, die Verschärfung von Zulassungsvorgaben sowie neue zu erwartende Änderungen im Naturschutzrecht, Pflanzenschutzrecht, Düngerecht oder Wasserrecht. Der Obstbauanteil in Schutzgebieten betrage in Rheinland-Pfalz etwa 34 Prozent. Besonders stark betroffen seien Rheinhessen und die Nordpfalz. Dabei böten die Obstanlagen von Natur aus vielfältige Lebensräume, wie z.B. Bäume, Sträucher, Säume, Wiesen und Hecken und darüber hinaus seien Dauerkulturen auf 20 Jahre und mehr angelegt. Dies führe zu einer großen Vielfalt aufgrund unterschiedlicher und stabiler Lebensräume. Gerade in Obstbauregionen seien die Ökosysteme stark vernetzt.

Eine Erhebung zur Biodiversität im Integrierten Obstbau des Obstbauzentrums Jork habe beispielsweise von 60 möglichen Libellenarten 32 in diesen Regionen feststellen können sowie 12 nachtaktive Säugetiere, mindestens neun Fledermausarten und 106 Vogelarten. Viele der jeweiligen Arten seien sogar auf der roten Liste zu finden. Selbstverständlich, so Hilbers, könne die Biodiversität weiter gefördert werden. Dies sei durch vielfältige Maßnahmen, wie z.B. der Anlage von Hecken oder der Ausbringung von Insekten- und Vogelnisthilfen sowie Fledermausquartieren und vielen weiteren Möglichkeiten auf freiwilliger Basis möglich. Die erzwungene Umsetzung von Umweltmaßnahmen über das Ordnungsrecht führe aber dazu, dass Betriebe in wirtschaftliche Schieflage geraten könnten und zu guter Letzt keine Schutzmaßnahmen durchgeführt würden. Der Insektizideinsatz im Integrierten Pflanzenschutz im Obstbau sei bereits optimiert und könne kaum mehr weiter zurückgeführt werden. Natürliche Gegenspieler würden im Integrierten Pflanzenschutz gefördert und genutzt werden. Aber auch die Gesellschaft müsse ihre Anforderungen den Gegebenheiten anpassen und nicht nur makelloses und gleichzeitig unbehandeltes Obst fordern.

„Wir Landwirte stehen jeden Tag in der Diskussion. Umso mehr benötigen wir die Unterstützung der Politik, die sich um eine sachgerechte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen bemühen sollte“, erklärte der Vorsitzende Norbert Schäfer am Ende der Obstbautagung.

Herbert Netter

Christiane Mager und Maximilian Schäfer (rechts) diskutierten mit Staatsekretär Andy Becht und Moderator und Arbeitsgemeinschaftsvorsitzenden Norbert Schäfer (links) über die Zukunft des Obstbauzentrums in Klein Altendorf.