Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

09.03.2018 - Vieh- und Fleischtag

Dr. Werner Kloos diskutierte mit den Teilnehmern über die Inhalte der Nutztierhaltungsstrategie.

Mehr Akzeptanz für die Nutztierhaltung in der Gesellschaft

Koblenz. „Die Nutztierhaltung in Deutschland und Rheinland-Pfalz befindet sich auf einem hohen Niveau, sowohl hinsichtlich des Tierwohls als auch der Hygiene und des Verbraucherschutzes“, erklärte der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, Michael Horper, während des 25. Vieh- und Fleischtags in Koblenz. Deutschland sei weltweit eine der führenden Nationen im Tier- und Verbraucherschutz. Unabhängig von den vorhandenen hohen gesetzlichen Standards, die in vielen Teilen der Welt nicht annährend erreicht würden, hätten der bäuerliche Berufsstand und der Lebensmitteleinzelhandel über die Initiative Tierwohl Entwicklungen angestoßen, die deutlich über die gesetzlichen Vorgaben hinausgingen. Mit der Nutztierhaltungsstrategie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft würden diese vielfältigen Aktivitäten positiv unterstützt.

Mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket hätten Verbesserungen der Haltungsbedingungen für landwirtschaftliche Nutztiere erreicht werden können, wie beispielsweise das Verbot nicht ausgestalteter Käfige bei Legehennen, der Verzicht auf Schnabelkupieren bei Legehennen oder die Einführung der Gruppenhaltung von Sauen im Wartebereich. Auch die Anbindehaltung bei den Milchkühen sei in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen und werde bald gänzlich verschwunden sein. Er setze sich bei der Ferkelkastration für den sogenannten 4. Weg, also die schmerzfreie Kastration mit lokaler Betäubung, ein.

Horper macht deutlich, dass eine tierfreundliche Landwirtschaft allerdings nur möglich sei, wenn man hier in Deutschland erfolgreich wirtschaften könne. Hierfür sei eine verlässliche Fortführung der gemeinsamen Agrarpolitik auch nach 2020 notwendig. Ohne die gesellschaftliche Unterstützung der Landwirtschaft würden Strukturen, wie sie in Rheinland-Pfalz vorherrschten, zerstört. Die gemeinsame Agrarpolitik müsse die Einkommenserzielung der Landwirte auf effiziente Weise unterstützen und damit die Bewirtschaftung der ländlichen Gebiete und somit auch der Grünlandregionen sichern.

Horper forderte die Politik daher auf, die bäuerlichen Familienbetriebe zu stärken und die Greening-Auflagen praxistauglich weiterzuentwickeln. Gerade die Milch- und Fleischmärkte zeigten, dass die Preise und somit die Erlöse für die Betriebe extrem stark schwankten. Direktzahlungen hätten hingegen einen stabilisierenden Effekt. Sie seien daher auf dem bisherigen Niveau fortzuführen.

Die Diskussion um die Düngeverordnung zeige, welche Auswüchse die Bürokratie in der Landwirtschaft annehme. Der aktuelle Umfang an Vorschriften und Kontrollen sei kaum mehr zu bewältigen. Es müsse daher mehr Toleranzen und Flexibilität bei den Kontrollen geben.

Ambitionierte Ziele seien sowohl im Tier- als auch im Klimaschutz notwendig und geboten. Umso wichtiger seien Ausgleichsmaßnahmen, die den Landwirten Planungs- und Investitionssicherheit für die Zukunft ihrer Betriebe garantierten. Die gemeinsame europäische Agrarpolitik sei ein wichtiger Pfeiler der Europäischen Union. Sie dürfe nicht zum Steinbruch der Mitgliedsstaaten oder der Regionen werden. Daher dürfe die Finanzierung der Direktzahlungen nicht in Frage gestellt werden. Eine Renationalisierung würde zudem im gemeinsamen Markt zu neuen Wettbewerbsverzerrungen führen, was letztlich nicht im Sinne des Tierwohls sei.

Der Präsident der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz, Ökonomierat Norbert Schindler, geht davon aus, dass auch die künftige Bundesregierung die Stärkung des Grundvertrauens in die Erzeugung von Lebensmitteln zum Ziel hat. Bezüglich der Afrikanischen Schweinepest hoffe er, dass die gesamten Aufklärungs- und jagdlichen Maßnahmen eine Einschleppung dieser Seuche nach Deutschland verhinderten. Bedauerlicherweise sei der letzte Winter wieder einmal zu warm gewesen, wodurch die Wildschweinpopulationen nicht stark genug reduziert worden seien.

Scharf kritisiere Schindler die rheinland-pfälzische Landesregierung, die offenbar den Ausstieg aus der Finanzierung der Schweinehaltung an der Lehr- und Versuchsanstalt Hofgut Neumühle plane. Es werde vom Berufsstand nicht hingenommen, die einzige überbetriebliche Ausbildungsstätte für Viehhaltung in Rheinland-Pfalz auf diese Weise zu zerstören, so Schindler. Die Landesregierung dürfe sich keinesfalls aus der Finanzierung dieses Ausbildungsangebots und damit aus der Verantwortung zurückziehen.

Die Landwirtschaft in Deutschland habe sich in den zurückliegenden Jahrzehnten zu einem starken, innovativen Wirtschaftssektor entwickelt, erklärte Gastredner Dr. Werner Kloos, Leiter der Stabsstelle Nutztierhaltungsstrategie im Bundeslandwirtschaftsministerium. Das gesamte Agribusiness habe im Jahr 2015 in der EU einen Produktionswert von geschätzten 445 Milliarden Euro oder etwa acht Prozent des gesamt wirtschaftlichen Produktionswerts erbracht. In den letzten Jahren sei es gelungen, diese Position international auszubauen. Die Tierhaltung habe an der günstigen Entwicklung des Agrarsektors einen entscheidenden Anteil.

Dieser positiven Entwicklung stünden allerdings große Herausforderungen gegenüber, betonte Kloos. Es gelte, wieder mehr Akzeptanz für die Nutztierhaltung in der Mitte der Gesellschaft zu gewinnen. Ohne diese Akzeptanz sei die erfolgreiche Nutztierhaltung in Deutschland langfristig gefährdet.

Ziel der Nutztierhaltungsstrategie des Bundes sei es, das Tierwohl in der Nutztierhaltung spürbar zu verbessern und negative Auswirkungen auf die Umwelt deutlich zu vermindern. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) habe in den letzten Jahren mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket in diesen Bereichen deutliche Verbesserungen erzielt. Kloos führte als Beispiele die Novellierung des Düngegesetzes und der Düngeverordnung, das Verbot nicht ausgestalteter Käfige bei Legehennen und die Gruppenhaltung von Sauen im Wartebereich an.

Die weitere Verbesserung der Haltungsbedingungen werde Zeit und Geld kosten. Die zentrale Herausforderung für eine Nutztierhaltungsstrategie bestehe darin, die notwendigen Mittel für Fortschritte beim Tierwohl und im Umweltschutz bei gleichzeitiger Sicherung der ökonomischen Tragfähigkeit für die landwirtschaftlichen Betriebe aufzubringen. Im Bundesprogramm „Nachhaltige Nutztierhaltung“ seien dabei Innovationen für Neu- und Umbauten zu entwickeln und schnell in die breite landwirtschaftliche Praxis zu tragen.

Die Struktur der Investitionsförderung (AFP) sei bereits auf Tierschutzbelange ausgerichtet. Auf dieser Grundlage werde das AFP als wichtige Säule der Nutztierhaltungsstrategie für Stallneu- und -umbauten weiterentwickelt. Nach der Auffassung von Kloos werde die Einführung eines staatlichen Tierwohlabels die Transparenz bei tiergerechten Haltungsverfahren fördern und dem Verbraucher die Möglichkeit für Kaufentscheidungen pro Tierwohl geben. Gesundheit und Robustheit müssten einen höheren Stellenwert in der Tierzucht bekommen. Das Ministerium strebe eine flächengebundene Nutztierhaltung an.

Ziel der deutschen Antibiotikaresistenzstrategie (DART 2020) sei es, Antibiotikaresistenzen weiter einzudämmen. Im Jahr 2014 sei ein Vergleichs- und Analysesystem eingeführt worden, woraufhin die Verwendung von Antibiotika weiter deutlich gesunken sei.

Das BMEL verfolge zudem eine gesundheitsorientierte Ernährungspolitik und informiere auf wissenschaftlich gesicherter Grundlage über Umweltwirkungen der Tierhaltung. So werde ein nachhaltiger Konsum tierischer Erzeugnisse gefördert. Bei Eiweißkomponenten basiere die deutsche Tierhaltung etwa zu einem Viertel auf dem Zukauf von Futtermitteln aus dem Ausland. Vor allem die großen Importmengen von Eiweißfuttermitteln nach Deutschland stünden in der Kritik. Die Bundesregierung sei daher bestrebt, den Einsatz von umweltfreundlich produzierten Importeiweißfuttermitteln und einheimischen Eiweißfuttermitteln zu erhöhen. Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit einer nachhaltigen Tierhaltung sollten Finanzmittel aus der gemeinsamen Agrarpolitik zielgerichtet eingesetzt werden. Neben den Maßnahmen der Zweiten Säule sollten die Direktzahlungen stärker auf kleine und mittlere Betriebe und Betriebe mit Tierhaltung konzentriert werden, damit diese die steigenden Anforderungen bewältigen könnten.

Das Grünland werde als Futtergrundlage für die Haltung von Nutztieren und wegen seiner ökologischen Funktionen aufgewertet. Das BMEL entwickle hierfür eine Grünlandstrategie.

Mit der Nutztierhaltungsstrategie stelle sich das Bundeslandwirtschaftsministerium den Herausforderungen zur notwendigen Weiterentwicklung der Nutztierhaltung in Deutschland. Die Strategie setze auf Qualitäts- statt Mengenwettbewerb. Mit der beschriebenen Strategie und den daraus abgeleiteten Maßnahmen werde es gelingen, das Tierwohl deutlich zu verbessern und Umweltauswirkungen zu vermindern, erklärte Kloos abschließend.

Nach der Rede von Dr. Werner Kloos konnten sich die Landwirte und interessierten Besucher in drei verschiedenen Arbeitskreisen über produktionsbezogene Themen informieren. In insgesamt acht Fachbeiträgen in den Arbeitskreisen Milchvieh, Schweine und Rindfleisch wurden u. a. die Entwicklungen am Milchmarkt, die Afrikanische Schweinepest und Stallkonzepte für die Mutterkuhhaltung behandelt.